Erwins Reise

"Hilde !!!" Natürlich ignorierte Hilde das Rufen ihres Mannes geflissentlich. Das war so ziemlich das Erste, was sie nach der Pensionierung von Erwin, das war ihr Mann, gelernt hatte. Seit seine Amtshierarchie aus dem täglichen Leben verschwunden war, wurde sie zum ersten und einzigen Anlaufpunkt all seiner Kritik und Probleme. Sie schob die Tür mit dem Fuß ins Schloss und widmete sich wieder der Illustrierten auf dem Küchentisch. Niemand reagierte, typisch. Erwin schnaufte vor Anstrengung, als er sich über seinen Kugelbauch bückte und in den Papierabfällen wühlte. Hilde hatte die unmögliche Angewohnheit, seine Post ohne Umwege in den Abfalleimer zu befördern. Sie versicherte zwar, dass es sich nur um Werbung handelte, aber dieser Mangel an Sorgfalt trieb Erwin jedes Mal die Zornesröte ins Gesicht. Auch heute war er wieder fündig geworden. Allein die Tatsache, dass der Briefkasten nach seinem Spaziergang leer war, führte ihn direkt von der Haustür in den Keller. Seine Ahnung hatte ihn nicht getrogen, und mit zwei bunt bedruckten Briefen in der Hand ließ er sich auf dem kleinen Schemel nieder, den er aus ebendiesen Gründen hier platziert hatte. Mit einem großen sauber gefalteten Taschentuch wischte er sich zuerst den Schweiß von der Stirn, rückte die Brille auf der Nase zurecht und legte die Briefe vor sich ab und strich sorgfältig die Knickstellen glatt. Dann zog er aus der Innentasche seines Jacketts einen Brieföffner, das Geschenk seiner Kollegen zum zwanzigjährigen Dienstjubiläum, und trennte die Briefoberseite langsam auf. Es handelte sich um einen Gutschein für eine Enzyklopädie. Nachdem er kurz nachgedacht hatte, kam Erwin zu dem Schluss, dass die zehnbändige Ausgabe vom letzten Jahr noch ausreichend aktuell sei, und legte das Schreiben samt Kuvert nun endgültig in den Papiermüll. Der zweite Brief war aus einem merkwürdigen Material, ganz glatt, und dazu gab es noch nicht einmal einen Kleberand, an dem man den Brieföffner hätte ansetzen können.

"Immer diese billigen Umschläge", seufzte Erwin, den Brief prüfend in alle Richtungen drehend und eine Öffnung suchend. Er fand zwar keine Öffnung dafür aber einen Punkt, der, so hätte er schwören mögen, vor wenigen Augenblicken noch nicht existiert hatte.
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