Lektionen

"Erwin! Hast du mal für eine Minute Zeit?" Hilde richtete sich auf und massierte mit der rechten Hand ihren schmerzenden Rücken. Ihren Blick hatte sie auf den oberen Treppenabsatz des Kellers gerichtet, doch ihr Rufen war mal wieder vergeblich. "Wäre ja auch zu schön gewesen." Seufzend stopfte sie den Rest der Wäsche in die Maschine und schlurfte langsam nach oben. Eigentlich hatte sie sich von Erwins Pensionierung etwas mehr Hilfe im Haushalt und damit auch mehr gemeinsame Zeit versprochen, aber das Gegenteil war der Fall. Er hatte den geregelten Arbeitsalltag des Büros nun in die häuslichen Abläufe integriert. Das zu ertragen erforderte eine Menge an stoischem Gleichmut, mit dem Hilde glücklicherweise ausreichend gesegnet war. Erwin saß wie erwartet im Arbeitszimmer, vor sich das neue zehnbändige Universallexikon und eine Kladde mit Bleistift in Reichweite. "Hast du mich nicht rufen hören?" Es war eine mehr oder weniger rhetorische Frage. Erwin warf einen kurzen missbilligenden Blick auf seine Frau, dann aber hellte sich sein Gesicht auf. "Wusstest du, Hilde, dass man nach Alexander dem Großen gleich mehrere Städte benannt hat? Warum man sie aber alle gleich Alexandria nennen musste, habe ich noch nicht herausgefunden."

Erwin blätterte in den ersten Seiten des ersten Bandes vor und zurück und machte sich hin und wieder ein paar Notizen in der Kladde. Hilde seufzte ein weiteres Mal, ersparte sich aber jeglichen Kommentar. "Vom Standpunkt der Verwaltung macht das keinen großen Sinn. Ich weiß natürlich nicht, wie sie das mit den Postleitzahlen geregelt hatten, vielleicht steht da hier ja noch irgendwo etwas geschrieben." Er tauchte wieder in seine Lektüre ab, Hilde war bereits vergessen. Diese kramte kurz in der Tasche ihres Kittels, nahm einen kleinen Gegenstand heraus und knallte ihn auf die Tischplatte, direkt vor Erwins Nase. Demonstrativ machte sie auf dem Absatz kehrt und verließ den Raum.

Erwin zuckte zusammen und rückte die goldgefasste Brille auf der Nase zurecht.

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